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News / Presse

Trendmonitor: Deutsche Firmen sind vom Aufschwung weit entfernt

Handelsblatt (Nr. 236, 07.12.2009, Düsseldorf), Ulf Sommer und Christian Schnell

Bis zu einem tragfähigen Aufschwung wird es noch einige Zeit dauern. Nur sieben Prozent der deutschen Unternehmen erleben ihn bereits jetzt. Die meisten rechnen erst 2011 oder noch später damit.

 

DÜSSELDORF/FRANKFURT. Das geht aus dem Finanzmarkt-Trendmonitor hervor, für den die Agenturen News Aktuell, CAT Consultants und Faktenkontor in Zusammenarbeit mit dem Handelsblatt 131 Fach- und Führungskräfte der großen deutschen Firmen befragt haben. Auffällig: Auch wenn die Krise noch lange ihre Auswirkungen zeigen wird, so klagen nur wenige Firmen über eine Kreditklemme.

 

Immerhin, fast alle Großunternehmen gehen davon aus, dass die Talfahrt, die im Sommer 2008 begonnen hat, zunächst einmal gestoppt ist. 65 Prozent erkennen „Licht am Ende des Tunnels“. Doch befragt nach dem Ende der Krise, antwortet nur eine Firma, dass diese noch in diesem Jahr vorbei ist. Mit Blick auf 2010 fürchten die meisten Konzerne sinkende Preise und eine schwache Nachfrage.

 

Unternehmen blicken vorsichtig nach vorn

In ihren Quartalsberichten und Ausblicken bestätgen die Unternehmen die Skepsis. So zeigte sich beispielsweise der Düngemittelhersteller K+S besorgt, die gegenwärtigen Kalipreise nicht halten zu können. Sinken die Preise, geraten die Margen unter Druck. Der Stahlhersteller Salzgitter warnte davor, dass die Branche ihre Kapazitäten zu schnell erhöht habe und dies zu einer neuerlichen Überversorgung führen könnte. Aus der Investitionsgüter- und Bauwirtschaft fehlten noch wesentliche Impulse.

Ebenso vorsichtig blickt Daimler nach vorn. Nach dem unerwarteten Gewinn im dritten Quartal, der aus massiven Sparanstrengungen und Kurzarbeit resultierte, stimmte der Vorstand die Finanzmärkte auf neue Belastungen ein. Die Wirtschaftskrise bringt immer mehr Geschäftspartner des Automobilriesen in Schwierigkeiten. Das könnte 2010 Stützungsmaßnahmen der Stuttgarter notwendig machen. In Europa drohe sich die Nachfrage 2010 sogar abzuschwächen, sagte Finanzvorstand Bodo Uebber.

 

Viele Unternehmen scheuen sich sogar ganz vor einem Ausblick, darunter Metro. Der Handelskonzern blieb nicht nur den Blick nach vorn, sondern sogar die Prognose für die restlichen Wochen 2009 schuldig und begründete das mit dem überstrapazierten Bild der „Nebelwand“, also mit den unklaren Aussichten für die Weltwirtschaft.

Zwei Drittel der im Trendmonitor befragten Experten gehen davon aus, dass die Wirtschaftskrise erst im Jahr 2011 oder noch später vorüber sein wird. Noch immer berichten rund doppelt so viele (27 Prozent) Firmen über fallende wie über steigende Auftragseingänge (13 Prozent). Mit höheren Umsätzen noch in diesem Jahr rechnet so gut wie niemand. 28 Prozent der Befragten erwartet dies 2010, weitere 17 Prozent gar erst 2011.

Analysten alarmieren die skeptischen Ausblicke der Konzerne allerdings nicht. „Bei frühzyklischen Unternehmen liegt die Reichweite nur bei sechs bis acht Wochen, um zuverlässig Aufträge und Umsätze vorhersagen zu können“, sagt Steffen Neumann von der Landesbank Baden-Württemberg.

Finanzmarktexperten haben konkrete Vorstellungen darüber, wie sich die Firmenerträge 2010 entwickeln. Durchschnittlich rechnen die Analysten aller großen Investmenthäuser damit, dass die 30 Dax-Konzerne im kommenden Jahr ihre Nettogewinne um mehr als ein Drittel gegenüber 2009 steigern werden. Anders als noch im laufenden Jahr, als Banken zu den großen Gewinnern zählten, dürften die Erträge in der klassischen Industrie kräftig anziehen. Einen guten Hinweis darauf, wie stark künftig die Nettogewinne der Firmen steigen, gibt üblicherweise die Industrieproduktion. Sie müsste 2010 um sechs Prozent wachsen, damit die Gewinne tatsächlich um ein Drittel zulegen könnten, sagt Carsten Klude, Chefvolkswirt der Hamburger Privatbank M.M. Warburg: „Dies erscheint schon allein aufgrund einer sehr niedrigen Ausgangsposition durchaus realistisch.“

Mehr Sorgen bereiten ihm die schon wieder euphorischen Vorhersagen vieler Analysten für die Zeit danach. Denn bereits 2011 knüpfen demnach die meisten Industrieunternehmen wieder an die Rekordgewinne aus dem Boomjahr 2007 an. Das aber erscheint angesichts der veröffentlichten Quartalsausblicke und der anonymisierten Befragung reichlich ambitioniert.

 

Wer nicht investiert, braucht keine Kredite

Ungeachtet der zeitlich weitreichenden Krisenauswirkungen klagen die meisten Unternehmen aber nicht über eine Kreditklemme. Nur jede zehnte Firma erkennt starke Refinanzierungsprobleme. Die Hälfte (51 Prozent) sieht für sich gar keine Probleme, wenn es um Kredite geht, weitere zwölf Prozent allenfalls sehr geringe Schwierigkeiten.

Auffällig ist, dass sich die Unternehmen darüber sogar ein Stück weit optimistischer äußern als bei einer gleichen Befragung im März. Der Anteil derjenigen Firmen, die keine Kreditprobleme haben, ist um vier Prozentpunkte gestiegen. „Kaum jemand investiert. Deshalb brauchen wir auch kein Geld von den Banken“, sagt ein Finanzchef eines großen Maschinenbauers. Um eine Kreditklemme abzuwenden, wollen Großbanken und Sparkassen mittelständischen Firmen mehr Eigenkapital verschaffen, um deren Kreditchancen zu verbessern. Ein entsprechender Vorschlag von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann beim jüngsten Kreditgipfel der Bundesregierung erntete bei Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften breite Zustimmung. Im Gespräch ist eine Fondssumme von zunächst 100 Mio. Euro.