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News / Presse
Geschäftsberichte – Wozu?
Deutsche Standards – Beispielhafte Geschäftsberichte 2008, 11. Auflage
Eine repräsentative Auswahl vorbildlich und professionell gestalteter Geschäftsberichte – doch wozu?
Dieser Frage geht Thilo M. Tern, Managing Partner von CAT Consultants nach.1


Wer liest den Geschäftsbericht? Denken Sie doch nur an Ihre eigenen Erfahrungen – empirische Untersuchungen würden vermutlich das gleiche ergeben: Niemand! Die meisten blättern den Geschäftsbericht nur durch, bleiben hier und da einmal am Text oder an Kennzahlen hängen, aber lesen – so, wie man ein Buch liest? Niemand.
Und die, die ihn richtig durcharbeiten, besser gesagt, durcharbeiten müssen – professionell und mit speziellen Modellen im Rechner – dies sind die Analysten. Sie lesen den Bericht nicht, sie sezieren ihn förmlich in seine Bestandteile, um daraus einen neuen Report zu destillieren. Und ebenso die Nörgler, die Kritiker und deren Rechtsanwälte, die in Monaten der intensiven Wort-für-Wort Auslegung den Bericht nach verfänglichen Aussagen abklopfen.
Zwischen den beiden Stereotypen, dem „Blätterer“ und dem „Sezierer“, gibt es schließlich noch die Wettbewerber, Lieferanten und Kunden. Diese suchen ganz gezielt nach Informationen, die ihnen Möglichkeiten zur Verbesserung der eigene Markt- und Verhandlungsposition aufzeigen können. „Und das sollen meine Zielgruppen sein?“ wird sich der eine oder andere Entscheidungsträger zweifelnd fragen und dabei missvergnügt seine Kostenrechnung betrachten, „dafür soll soviel Zeit und Geld investiert werden?“.

Geschäftsberichte und Familienunternehmen

Wohl dem, der sich die mühevolle Arbeit der Geschäftsberichtspublikation ersparen kann. Denn Unternehmen, deren Wertpapiere nicht öffentlich notiert sind, sind nicht in der Pflicht. Doch ersparen sich die mittelständischen, nicht-börsennotierten Unternehmen nun auch wirklich die Erstellung eines Geschäftsberichts?
Die Antwort ist ziemlich eindeutig: Ja! Der überwiegende Teil der nicht-börsennotierten Unternehmen veröffentlicht keinen allgemeinzugänglichen Geschäftsbericht. Wir sind diesem Ergebnis in unserer diesjährigen Studie nachgegangen und haben die Finanzkommunikation der aktuell viel gerühmten deutschen Familienunternehmen genauer untersucht.
Herausgekommen ist im Detail ein durchaus vielfältiges Bild. Von den sehr großen Familienunternehmen mit Umsätzen von mehr als einer Milliarde Euro im Jahr 2005 – 110 Unternehmen in unserer Vergleichgruppe – sind immerhin 22 börsennotiert und publizieren umfassende Geschäfts- und Zwischenberichte. Von den verbleibenden 88 Unternehmen machen jedoch nur 39, also 44%, die Geschäftsberichte im Internet allgemeinzugänglich. Weitere 33 Unternehmen geben zumindest auf den Internetseiten einige Finanzinformationen.
Die Veröffentlichungspraxis nimmt mit sinkender Unternehmensgröße weiter ab. Von den Familienunternehmen in einer Umsatzgrößenordnung von 400 bis 500 Mio. Euro im Jahr 2005 – in dieser Vergleichsgruppe liegen 32 Unternehmen – sind 3 börsennotiert. Von den 29 nicht-börsennotierten Familienunternehmen publizieren nur 3 Unternehmen einen allgemein zugänglichen Geschäftsbericht, das sind nur noch knapp über 10%. Immerhin 66% der nicht-börsennotierten Familienunternehmen in dieser Umsatzgruppe liefern Finanzinformationen im Internet. Bei den noch kleineren Familienunternehmen in einer Größenordnung von 90 bis 120 Mio. Euro werden kaum noch Finanzinformationen öffentlich publiziert.
Die Argumente gegen ein Berichtsveröffentlichung wiegen offensichtlich schwer: der Kosten- und Zeitaufwand wird lieber in die Marktbearbeitung gesteckt; Wettbewerber, Lieferanten und auch Kunden sollten nicht noch schlauer gemacht und Ziele nicht festgeschrieben werden; Finanzinformationen sollten nicht in die Hände ungeliebter Finanzmarktakteure gelangen oder Einblicke in die persönliche Einkommenslage von Gesellschaftern und Geschäftsführern geben. Dies sind nur einige der wichtigsten Argumente.

Liegt Transparenz im Trend?

Trotz einer historisch bedingten Aversion in Familienunternehmen gegen allzu offene Finanzinformationen, zeigt sich aktuell ein Trend zur Öffnung. Wir beobachten gegenwärtig, dass immer mehr erfolgreiche Mittelstandsunternehmen dem Beispiel ihrer börsennotierten Wettbewerber folgen und sich den Themen Finanzkommunikation und Geschäftsbericht annehmen.
Den Anstoß zu dieser Entwicklung hat unter anderem auch wieder der Gesetzgeber gegeben, der mit dem am 1. Januar 2007 in Kraft getretenen Gesetz über elektronische Handelsregister und Genossenschaftsregister sowie Unternehmensregister eine Vielzahl von Kapitalgesellschaften, GmbH & Co. KGs und sehr große Personengesellschaften und Einzelkaufleute dazu verpflichtet hat, ihre Jahresabschlüsse beim Betreiber des elektronischen Handelsregisters einzureichen. Damit müssen die Unternehmenszahlen im Internet zur Verfügung gestellt werden. Eine allgemeine Verfügbarkeit von Finanzinformationen ist nicht mehr zu umgehen.

Warum also nicht die Pflicht zur Kür erklären?

Viele Unternehmen, die Jahr für Jahr so viel Energie in ein Projekt stecken und zum Teil gestalterische und textliche Höchstleistungen vollbringen, sehen im Geschäftsbericht mehr als eine bloße Notwendigkeit und betrachten den Geschäftsbericht als das Instrument zur Imageförderung des Unternehmens. Sie haben längst verinnerlicht, dass „aus der Not“ zur verordneten Transparenz, eine Tugend der Selbstdarstellung gemacht werden kann.

Wozu also der Geschäftsbericht?

Man kann es drehen, wie man will: Der Geschäftsbericht zielt auf den Finanzmarkt. Der Finanzmarkt, von Banken bis zur Börse, vom Anleger bis zum institutionellen Investor, sieht den Geschäftsbericht als ein Standardinstrument zur Präsentation von Unternehmen in internationalen Märkten. Durch den Geschäftsbericht wird das Unternehmen erst ernsthaft wahrgenommen. Die dokumentierte Bereitschaft zur Transparenz erleichtert das Finanzierungsgespräch und senkt im Zweifel auch die Kapitalkosten. Dafür sorgen u.a. die Ratingmodelle der Ratingagenturen, in denen die Transparenz der Finanzberichterstattung als ein Faktor berücksichtigt wird.
Nicht zu vernachlässigen sind die Nebeneffekte, die sich bei Kunden, Mitarbeitern und in der Öffentlichkeit zeigen. Wie verlässlich ist der Geschäftspartner? Wie sicher sind die Arbeitsplätze? Nimmt das Unternehmen seine Corporate Citizenship ernst? Der Geschäftsbericht, der auf derartige Fragen eingeht, zwingt seine Autoren zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Kern des Unternehmens. Er entwickelt sich so zu einem Basisinstrument, mit dem eine einheitliche Sprache – „One Voice“ – im Unternehmen bei Kundengesprächen, Analysten- und Pressekonferenzen oder bei sonstigen Gelegenheiten gefunden wird. Allein darin ist schon ein Nutzen zu sehen.
Auch mehr und mehr mittelständische Unternehmen schließen sich dieser Einsicht an. Eine Studie hat schon 2005 ergeben, dass die Mehrheit der Mittelstandsunternehmen mit einer offenen Informationspolitik darin einen klar höheren Nutzen als Aufwand sehen.

Die Frage „Wozu ein Geschäftsbericht?“ wandelt sich schon heute immer mehr zur Frage „Welche Inhalte wollen wir in unserem Geschäftsbericht bieten?“ Je mehr Antworten er gibt, je allgemeinverständlicher und „attraktiver“ diese vermittelt werden, umso erfolgreicher ist seine imagebildende Wirkung für das Unternehmen. Es ist wert, auch im Mittelstand weiter darüber nachzudenken.